Klein, aber mobil
Österreich ist ein kleines Land mit großem Fernweh. Mit einer Bevölkerung von rund 9 Millionen Menschen hat Österreich eine erstaunlich hohe Auswanderungsrate. Laut Statistik Austria wanderten 2022 rund 120.000 Personen aus Österreich aus, was gemessen an der Bevölkerungsgröße eine der höchsten Quoten Mitteleuropas darstellt.
Die österreichische Auswanderungstradition ist alt. Im 19. Jahrhundert gingen Österreicher nach Amerika, in die Colonialgebiete und in alle Teile der Habsburgmonarchie. Im 20. Jahrhundert, nach dem Zweiten Weltkrieg, wurden Hunderttausende nach Deutschland, in die Schweiz und nach Übersee gelockt. Heute, im 21. Jahrhundert, ist die Auswanderung individueller, vielfältiger und oft reversibel.
Warum Österreicher gehen
Die Motive ähneln denen der deutschen Nachbarn, haben aber österreichische Spezifika. Viele Österreicher nennen als Hauptgrund das Klima: Zentralösterreich hat kalte, lange Winter, und der Wunsch nach Sonne und Wärme ist ein starker Treiber, besonders für die Generation 50 plus.
Berufliche Chancen sind ein zweiter wichtiger Faktor. Österreichs Wirtschaft ist stark, aber begrenzt. Wer in bestimmten Nischenbereichen der Technologie, der Wissenschaft oder der Kreativwirtschaft Karriere machen will, findet größere Ökosysteme in Berlin, London, Zürich oder San Francisco.
Für jüngere Österreicher spielt auch politische Unzufriedenheit eine Rolle. Österreich ist ein Land, in dem rechte Parteien seit Jahrzehnten stark sind und wo politische Skandale Vertrauen eroded haben. Wer einen anderen gesellschaftlichen Ton sucht, findet ihn manchmal leichter in der Ferne.
Die beliebtesten Ziele
Deutschland ist für Österreicher das naheliegendste Ziel: gleiche Sprache, EU-Freizügigkeit, größerer Arbeitsmarkt. München liegt von Wien näher als viele österreichische Landeshauptstädte. Zehntausende Österreicher pendeln täglich nach Bayern oder haben sich ganz dort niedergelassen.
Die Schweiz zieht vor allem gut ausgebildete Fachkräfte an. Das Lohnniveau in der Schweiz liegt für vergleichbare Positionen oft 40 bis 80 Prozent über dem österreichischen. Für Ärzte, Ingenieure und Finanzfachleute ist das ein starkes Argument.
Auf dem Vormarsch: Portugal, die Türkei und Asien. Österreichische Frührentner und Selbstständige entdecken Portugal als klimatisches und steuerliches Refugium. Istanbul wächst als Standort für junge kreative Österreicher, die die Brücke zwischen Europa und Asien attraktiv finden.
Die österreichische Gemeinschaft weltweit
Österreich hat, ähnlich wie die Schweiz, eine offizielle Auslandsösterreicher-Organisation. Der Auslandsösterreicher-Weltbund (AÖWB) vertritt schätzungsweise 500.000 bis 600.000 dauerhaft im Ausland lebende Österreicher. Das Netzwerk ist aktiv, organisiert jährliche Treffen und hält die Verbindung zur Heimat lebendig.
Was Österreicher überall hin mitbringen: Gemütlichkeit im besten Sinne, Kaffeehauskultur als Lebensform, eine Liebe zum Genuss und eine leichte Ironie gegenüber dem Leben. Österreicher im Ausland fallen selten durch Lautstärke auf, aber man bemerkt irgendwann, dass sie da sind, und froh, dass sie es sind.
Rückkehr und doppelte Identität
Ein charakteristischer Zug österreichischer Auswanderer: die Rückkehrorientierung. Viele gehen für fünf, zehn oder fünfzehn Jahre, aber sie denken an den Moment, an dem sie wieder in Wien Kaffee trinken werden. Österreich ist ein Land, das seine Kinder loslässt, aber selten aus dem Herzen.
Diese emotionale Bindung schafft eine besondere Art des Lebens: dauerhaft zwischen zwei Welten. Mit einem Bein in Wien, dem anderen in Lissabon. Das ermöglicht eine Perspektive, die enger im Alpenland lebende Österreicher nicht haben. Was man sieht, wenn man von außen auf das eigene Land schaut, lehrt manchmal mehr über sich selbst als alles andere.
Wien oder die Welt? Wie Österreicher die Balance finden
Wien belegt regelmäßig den ersten Platz in weltweiten Lebensqualitätsrankings. Das Economist Intelligence Unit Ranking 2023 sieht Wien zum fünften Mal in Folge an der Spitze. Öffentlicher Nahverkehr, Kultur, Sicherheit, Grünflächen, Gesundheitsversorgung: Wien ist in jeder Kategorie erstklassig.
Warum verlässt man so eine Stadt? Weil Lebensqualitätsrankings nicht alles messen. Sie messen nicht die Enge eines kleinen Landes, nicht die Sehnsucht nach dem Anderen, nicht das Gefühl, in einem goldenen Käfig zu leben. Österreich ist überschaubar. Wer aufsteigen will, trifft bald überall dieselben Gesichter.
Viele Österreicher, die ausgewandert sind und Wien besuchen, beschreiben dasselbe: Nach einem Wochenende in der Stadt verstehen sie wieder, warum sie gegangen sind. Und warum sie trotzdem immer wieder zurückkehren. Wien hat eine magnetische Schönheit, die kein anderes Auswandererziel ganz ersetzen kann.
Die gesunde Lösung, die viele finden: Österreich nie ganz verlassen, aber auch nicht dabei bleiben. Ein Appartement in Wien, ein Büro in Lissabon, Sommer in der Steiermark, Winter in Portugal. Das klingt nach Privileg. Für manche ist es schlicht die Wahrheit des modernen europäischen Lebens.
Österreich als Basis: Das pendelnde Leben zwischen zwei Welten
Eine wachsende Zahl österreichischer Auswanderer hat eine neue Lebensform entwickelt: das Leben zwischen zwei Ländern. Sie sind offiziell in Portugal, Spanien oder der Türkei gemeldet, verbringen aber mehrere Monate im Jahr in Österreich. Digitale Arbeit macht das möglich. EU-Freizügigkeit macht es legal.
Diese Menschen sind keine klassischen Auswanderer, die die Heimat hinter sich lassen. Sie sind mobile Europäer, die die Vorteile mehrerer Länder kombinieren: die Steuerstruktur eines Wohnsitzlandes, das Kulturleben Wiens, das Klima Portugals und die globale Vernetzung, die ein flexibles Leben ermöglicht.
Österreich hat auf diesen Trend reagiert, wenn auch langsam. Die Steuerbehörden schauen genauer hin, wo jemand tatsächlich seinen Lebensmittelpunkt hat. Wer formal im Ausland gemeldet ist, aber de facto mehr Zeit in Österreich verbringt als im gemeldeten Land, riskiert steuerliche Konsequenzen.
Trotzdem wächst die Gruppe der mobilen Österreicher. Sie sind der lebendige Beweis, dass nationale Identität und internationale Lebensweise kein Widerspruch sind. Österreich bleibt für sie das Zuhause, zu dem man zurückkommt, weil man sich nirgendwo sonst so gut aufgehoben fühlt.
Was Österreich seinen Auswanderern schuldet
Es gibt eine stille Verantwortung, die Österreich gegenüber seinen Auslandsösterreichern hat: Sie anzuerkennen, zu unterstützen und ihre Erfahrungen zu nutzen. Das Land hat in den letzten Jahren Fortschritte gemacht. Das Auslandsösterreicher-Büro im Außenministerium koordiniert Unterstützungsleistungen und das Wahlrecht für Auslandsösterreicher ist garantiert.
Aber es gibt mehr Potenzial. Österreicher, die im Silicon Valley arbeiten, in Londoner Fintech-Firmen Karriere machen oder in Singapur Unternehmen aufgebaut haben, tragen Wissen und Netzwerke nach Hause, wenn sie zurückkehren. Dieses Kapital wird noch zu wenig systematisch genutzt.
In anderen Ländern funktioniert das besser. Israel hat ein gezieltes Rückkehrerprogramm für seine Auslandsgemeinschaft. Indien hat durch seine globale Diaspora Milliardeninvestitionen nach Hause geholt. Österreich könnte von diesen Beispielen lernen.
Am Ende ist das Auswandern österreichischer Bürger kein Problem, das gelöst werden muss. Es ist eine Ressource, die entwickelt werden könnte. Menschen, die die Welt gesehen und Österreich nicht vergessen haben, sind das wertvollste Potenzial, das ein kleines Land haben kann.