Die größte Urlaubsbewegung Europas
Wenn es darum geht, wer am meisten reist und wohin, ist die Antwort für Großbritannien seit Jahrzehnten dieselbe: Spanien. Im Jahr 2019 besuchten laut der spanischen Nationalbehörde für Statistik INE rund 18,1 Millionen Briten Spanien. Das ist mehr als aus irgendeiner anderen Nation, und es ist eine Zahl, die man sich in ihrer vollen Dimension vorstellen muss.
Großbritannien hat rund 67 Millionen Einwohner. Das bedeutet: Im Jahr 2019 hat statistisch gesehen jeder vierte Brite Spanien besucht. Nicht jeder vierte Brite, der ins Ausland reist. Jeder vierte Brite insgesamt. Das ist keine Tourismusbewegung. Das ist ein nationales Phänomen.
Warum Spanien und nicht woanders?
Die Antwort liegt in einer Kombination, die schwer zu übertreffen ist. Erstens das Wetter: Großbritannien ist für sein nasses, graues, unvorhersehbares Klima bekannt. Spanien bietet das direkte Gegenteil. Verlässliche Sonne, warme Temperaturen auch im Frühjahr und Herbst, Meere, in denen man tatsächlich schwimmen kann.
Zweitens der Preis. Im Vergleich zu Skandinavien, der Schweiz oder Italien ist Spanien erschwinglich. Hotels, Restaurants, Supermarktpreise, Alkohol: Alles kostet in Spanien einen Bruchteil dessen, was es in London kostet. Für britische Familien mit begrenztem Budget ist Spanien oft die einzige Möglichkeit, sich einen echten Sommerurlaub zu leisten.
Drittens die Erreichbarkeit. Ryanair, EasyJet, Jet2 und British Airways haben Spanien mit einem Flugnetz erschlossen, das seinesgleichen sucht. Von Manchester nach Málaga für 40 Pfund? Normal. Von Bristol nach Teneriffa für 60 Pfund im Winter? Kein Problem. Diese Preise haben den Massentourismus nach Spanien demokratisiert.
Das touristische Ökosystem: Für Briten gebaut
Was viele Spanien-Kritiker vergessen: Die touristischen Infrastrukturen an der Costa del Sol, in Benidorm, auf Ibiza und in Teilen Mallorcas wurden buchstäblich für britische Touristen gebaut. Englischsprachige Pubs servieren britisches Bier auf Tap. Englische Frühstücks mit Beans und Black Pudding stehen auf Speisekarten. Premier-League-Spiele werden live übertragen. Man kann in manchen Orten wochenlang Urlaub machen, ohne ein Wort Spanisch zu sprechen oder ein spanisches Gericht zu essen.
Das ist für viele Briten kein Nachteil, sondern ein Komfortmerkmal. Urlaub soll entspannen, nicht herausfordern. Benidorm an der Costa Blanca, das einst als 'spanisches Blackpool' verspottet wurde, hat heute mehr Hotelbetten als ganz Griechenland und zieht jährlich über fünf Millionen Besucher an.
Zahlen und wirtschaftlicher Einfluss
Britische Touristen gaben laut INE im Jahr 2019 in Spanien zusammen rund 19,7 Milliarden Euro aus, der höchste Wert aller Herkunftsländer. Pro Kopf und Reise sind das im Schnitt rund 1.090 Euro bei einer durchschnittlichen Aufenthaltsdauer von 9,4 Nächten.
Für einzelne Regionen ist diese Abhängigkeit existenziell. In vielen Gemeinden an der Costa del Sol oder in Benidorm hängen 30 bis 50 Prozent aller touristischen Einnahmen direkt von britischen Gästen ab. Ein schlechter Sommer in Großbritannien, oder ein schwaches Pfund, ist in diesen Orten unmittelbar zu spüren.
Brexit und seine Folgen für den Spanien-Urlaub
Der Brexit hat die rechtliche Grundlage verändert. Briten sind keine EU-Bürger mehr. Die 90-Tage-Regel im Schengen-Raum betrifft direkt jene, die in Spanien Ferienhäuser besitzen und länger bleiben wollen. Das britische Pfund hat seit dem Brexit real an Wert verloren, was Spanienurlaub tendenziell teurer macht.
Und trotzdem: Die Zahlen bleiben hoch. 2023 kamen laut INE rund 16,9 Millionen Briten nach Spanien, fast wieder auf Vor-Corona-Niveau. Die Liebe zu Spanien ist stärker als jeder Wechselkurs und jedes Bürokratiehindernis. Manche Beziehungen übersteht man gemeinsam.
Spanien als zweite Heimat: Rentner, Immobilien und das Leben unter der Sonne
Schätzungsweise 300.000 Briten leben dauerhaft in Spanien, mehr als in jedem anderen EU-Land. Die Costa del Sol hat ganze englischsprachige Gemeinschaften mit britischen Pubs, Supermärkten mit Marmite und Heinz Baked Beans und Arztpraxen, die auf englische Patienten spezialisiert sind.
Für britische Rentner war Spanien jahrzehntelang der Traumort: günstige Immobilien, warmes Klima, EU-Freizügigkeit und vertraute Infrastruktur. Der Brexit hat das grundlegend verändert. Briten können nur noch 90 Tage pro Halbjahr ohne Visum in Spanien bleiben. Wer dauerhaft leben will, braucht eine spanische Aufenthaltsgenehmigung, die Einkommensnachweise und Krankenversicherung erfordert.
Trotzdem ziehen weiterhin Briten nach Spanien. Das Non-Lucrative Visa erlaubt dauerhaften Aufenthalt für Menschen mit ausreichendem passivem Einkommen. Spanien hat auch ein Golden Visa eingeführt: Wer 500.000 Euro in spanische Immobilien investiert, erhält eine Aufenthaltsgenehmigung. Dieses Programm wurde 2024 für Wohnimmobilien abgeschafft, um Spekulation einzudämmen, bleibt aber für andere Investitionsformen bestehen.
Die britisch-spanische Reisebeziehung hat alle politischen Stürme überstanden. Sie wird weiter bestehen, solange die Sonne über Andalusien scheint und englisches Bier in Málaga gezapft wird.
Kulturelle Anpassung: Wenn Briten spanisch werden
Nach Jahren in Spanien passiert mit vielen britischen Auswanderern etwas Unerwartetes: Sie werden ein bisschen spanisch. Der Mittagsschlaf wird zur heiligen Gewohnheit. Das Abendessen verschiebt sich von 18 Uhr auf 21 Uhr. Man kauft frische Lebensmittel auf dem Markt statt abgepackt im Supermarkt. Man grüßt Nachbarn, die man kaum kennt.
Diese kulturelle Osmose funktioniert langsam und unmerklich. Sie beginnt damit, die Sprache zu versuchen. Ein paar Brocken Spanisch in der Bar, im Supermarkt, beim Bäcker. Die Einheimischen reagieren darauf fast immer positiv. Das Eis bricht. Aus dem Touristen wird ein Bewohner.
Was viele Briten in Spanien beschreiben: die tiefe Entspannung, die entsteht, wenn man aufgehört hat, gegen die mediterrane Lebensweise zu kämpfen. Kein Land der Welt hat ein besseres System für das, was Spanier als buen vivir beschreiben: das gute Leben, ohne Hektik, mit gutem Essen, in Gesellschaft. Wer das annimmt, lebt länger. Das ist keine Phrase, sondern beinahe Wissenschaft.
Und manchmal, nach zehn oder fünfzehn Jahren, bemerkt ein Brite, dass er die Regenfälle zu Hause ein bisschen vermisst. Aber nur ein bisschen.